Nordseeschwimmen

von Hilgenriedersiel nach Norderney

In einem Sport-Magazin stand mal zu lesen: „Normale Menschen nehmen die Fähre, um auf die Insel Norderney zu gelangen.“ Die Teilnehmer des Wettbewerbs Inselschwimmen Norderney sind etwas anders und schwimmen auf die beliebte Ostfrieseninsel.

Es ist eine der anspruchsvollsten Strecken, die in den Internationalen Schwimmkalendern steht. Und obendrein ein großes Ziel für ambitionierte Schwimmer, einmal hier dabei zu sein. Außergewöhnliche Menschen sind dies allesamt und ein bisschen verrückt sowieso. So gilt es von den maximal 300 zugelassenen Startern, die seit einem halben Jahr nach Ausschreibung darauf warten, endlich die 8,2 Kilometer durch die offene Nordsee von der Naturbadestelle Hilgenriedersiel zum Surferhafen Norderney zu schwimmen.

Früher waren es 11 Kilometer von der Insel Langeoog zum Festland nach Bensersiel. Dies hatte der DLRG Langeoog organisiert. 24 mal wurde der Wettkampf durchgeführt. 2013 übernahm der DLRG Norderney die Veranstaltung und seit daher wird nun vom Festland auf die Insel Norderney geschwommen. Da bedeutet aber nicht, dass die etwas kürzere Strecke weniger anspruchsvoll ist. Das Gegenteil ist eher der Fall. Die Zeiten der ersten 24 Wettkämpfe konnten in Norderney noch nicht erreicht werden.

Der Schwimmwettkampf wird in drei Disziplinen ausgetragen. Die Schwimmer gehen Barfuß, mit Flossen oder Monoflossen an den Start. Nach dem Startschuss in Hilgenriedersiel durchqueren die Schwimmer mit dem Hochwasser die offene Nordsee und steuern zunächst auf den Norderneyer Leuchtturm zu. Nach etwa 3 Kilometern biegt die Strecke kurz vor der Insel westlich ab und führt dann etwa weitere fünf bis sechs Kilometer in den Surferhafen von Norderney.

Angehörige der Extremschwimmer können das Spektakel auf der Ausflugsfähre der Reederei Norden-Frisia aus nächster Nähe verfolgen.

Aufgrund von Sicherheitsrisiken wurde der Wettkampf im Jahre 2017 das letzte Mal durchgeführt.

Infos unter: Inselschwimmen Norderney


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Langsam setzt sich nun der Neoprentross in Bewegung. Die meisten sind Barfußschwimmer. Einige haben Flossen oder sogar Monoflossen dabei. Ich will es aber richtig wissen und gehe die Strecke barfuß an. Vor dem eigentlichen Start ist eine Wanderung über den Deich notwendig. Der lange Gänsemarsch der knapp 300 Teilnehmer entlang der Deichlandschaft ist lustig anzuschauen und so manches Foto wert. Mal sehen, ob meine Minikamera dies wiedergeben kann. Zahllose blökende Schafe schauen den Schauspiel staunend zu.

Auf einer kleinen Anhöhe kurz vor dem Wasser laufen alle Teilnehmer mit dem Chip über eine Matte. Ein fiepender Signalton betätigt die Registrierung bzw. Zeitnahme. Hier lasse ich mich noch von einem Zuschauer fotografieren. Jetzt ist es an der Zeit, auch Badeschuhe und Fotoapparat abzugeben. Alles wird vom Veranstalter in eine große Plastiktüte verpackt und nach Norderney gebracht.

Nach wenigen Metern geht es endlich ins Wasser. Es ist kein breiter Sandstrand, sondern eine grasbewachsene Naturbadestelle. Der Untergrund ist nicht sonderlich eben, so dass ich anfangs ein paar Schwierigkeiten mit der Balance habe. Ich bin als einer der ersten im Wasser. Das große Starterfeld begibt sich nun langsam bis zur gedachten Startlinie etwa 300 Meter in Wasser. Auf beiden Seiten markieren Rettungsboote des DLRG den Startbereich. Auch das NDR-Fernsehteam ist auf den Booten mit dabei. Wir wünschen uns untereinander viel Glück und das wir gesund das Ziel erreichen.

Als erste Orientierung dient der große Leuchtturm auf Norderney. Dieser wirkt hier im Wasser extrem weit entfernt. Wir sollen immer Rettungsboote und Bojen rechts passieren, also immer mit der linken Schulter, sofern man krault oder Brust schwimmt. Die Stimmung ist gut. Es werden viele Fotos von den Booten aus gemacht. Der DLRG Borkum ist da besonders aktiv.

Nach einer gefühlten halben Stunde im Wasser erfolgt dann der Startschuss, den ich auf der etwa 100 Meter breiten Startlinie nicht höre. Plötzlich schwimmen alle los. Besonders in den ersten Minuten ist Vorsicht geboten, dass niemand durch die vielen Schwimmer verletzt wird. Das Gerangel ist riesengroß. Ich muss anfangs sehr aufpassen um keine Füße oder Flossen ins Gesicht zu bekommen. Gleich zu Beginn muss ich feststellen, dass ein relativ hoher Wellengang vorherrscht. Mindestens einen halben Meter hohe Wellen schlagen rechts von der Seite auf die Schwimmer zu. Für mich ist daher Kraulen unmöglich. In meinen vielen Trainingseinheiten hatte ich nur Kraul trainiert und nun geht nur Brustschwimmen. Jetzt wird mir auch klar, warum so viele Teilnehmer mit Schnorcheln ausgerüstet sind. Was hilft es, ich muss jetzt damit klar kommen. Beim Brustschwimmen kann ich mich natürlich besser auf den großen Leuchtturm konzentrieren. So kann ich diesen Schwimmstil auch etwas Positives abgewinnen. Anderen Schwimmern geht es offenbar ähnlich.

Ich schwimme im Pulk und bin gut unterwegs. Zur Entspannung mache ich zwischendurch ein paar Züge auf dem Rücken. Durch die starke Strömung verliere ich hierbei sofort die Orientierung und es dauert ein Stück, bis ich den Leuchtturm wieder in Augenschein nehmen kann.

Das Feld zieht sich nun sehr weit auseinander. Ich sehe nur noch ab und zu eine rote Badekappe aufblitzen. Ich orientiere mich weiter an den großen Turm und schaukele über die Wellen. Ich versuche wieder zu kraulen, aber die Wellen sind einfach zu hoch. Die seitliche starke Strömung infolge des ablaufenden Wasser von Flut zur Ebbe macht das Vorwärtskommen nicht unbedingt einfacher. Erst an der roten Boje sollen die Bedingungen besser werden, da danach mit der Strömung gen Westen geschwommen werden kann. Bis dahin ist es noch sehr sehr weit. Irgendwie kommt dieser Leuchtturm gefühlt kein Stück näher.

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